Startseite
Startseite
Sie befinden sich hier: Startseite / Interessantes / Rezension der Vorstellung "Rosa Idioten"

Startseite
Über uns
Aktuelles
Fotogalerie
Interessantes
Links
Kontakt
русская версия

„Respektierst du mich?“ Rezension der Vorstellung "Rosa Idioten" Am 11. November haben wir das Stück „Rosa Idioten“ des jüdischen Volkstheaters „Chaweirim“ gesehen. Das ist bei uns schon die zweite Aufführung der Theatergruppe aus Osnabrück. Beide Theaterstücke sind vollkommen verschieden. Wenn das erste, „eine behinderte Straße“, eine grotesk wirkende, auf dem jüdischen Humor basierende Komödie ist, ist das zweite Stück, „Rosa Idioten“, hingegen eine Tragikomödie, die auf dem Hintergrund des Alltags (der das Leben selbst darstellt) ein klares Ende der Handlung aufweist. Das Stück verdankt seinen tiefen philosophischen Sinn der Professionalität der Regisseurin Irina Brodski und wirkt wie eine klassische Theateraufführung, weswegen man von Zeit zur Zeit vergisst, dass darin professionelle Schauspieler auftreten. Das Stück, das vollständig das Werk der Regisseurin ist (Idee, Szenario, Regie), ist interessant und einzigartig. Das Stück befasst sich mit den Einwanderern in Deutschland und deren Anpassung an die neue Umgebung. Dieses aktuelle Thema betrifft uns alle. Die Regisseurin Brodski ist im gewissen Sinn Psychologin und hat dermaßen Probleme unserer Immigranten so exakt ans Licht gebracht, dass ich glaube, dass viele darin entweder sich selbst oder ihre Bekannte wieder erkannt haben. Einzelne Rollen wurden sehr authentisch dargestellt. Z.B. Sonja (Sofia Serebrjanskaja) mit ihren Monologen, die Erinnerungen an den schrecklichen Krieg, an ihre getöteten Verwandte enthielten, oder Natascha (Oksana Litwinskaja), die ihre Schauspielkarriere für die Ausreise aus dem Land, in dem es für sie unerträglich war zu leben, aufgeben musste. Diese Schausoielerinen, die auch schon beim letzten Stück mitgespielt haben, kann man ohne Vorbehalt als „fertige Schauspielerinnen“ bezeichnen. Die in dem Drama zu Tage getretenen Stereotypen waren ebenfalls sehr überzeugend: Sozialarbeiter; eine deutsche Vermieterin; „Bella mit der rosa Brille“ mit ihrem strahlenden Lächeln und den spitzen Bemerkungen gegenüber der nichts ahnenden pedanten Deutschen; Ida –„kauf ein Haus für den Notfall“, die ganz genau weiß, wann dieser Fall eintreten wird.
Darüber hinaus bekamm man den Humor jüdischer Großmütter zu spüren. Wussten Sie schon, dass es in Deutschland nicht an Essen reicht? Und dass man hier kleine rote Ballons aus Gummi, Tomaten und lange grüne Rollen, Gurken nennt?
Auch Männer sind in Erinnerung geblieben, v.a. die stumme Rolle, die als Symbol für den weder russisch-sprechenden noch –verstehenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde (deren große Mehrheit russischsprachige Mitglieder stellen), dient.
In dem Stück wird Kritik an einigen inadäquaten Haltungen im Bezug auf die jüdische Gemeinde deutlich, wie z. B.: „Was habe ich davon?“, oder auch an der Fähigkeit alles Mögliche und Unmögliche von den sozialen Behörden herauszuholen.
Doch der besondere Wert des Stücks besteht nicht nur in darin gestellten Fragen, sondern auch in auf sie gegebenen Antworten. Z.B.: was tun gegen die Nostalgie nach der Vergangenheit? Eine passende Antwort darauf gibt, meiner Meinung nach, Raetschka (Roma Jotkewitschute)- Geliebte des Auswanderers Boris. “ Warum leben die Menschen nur in der Zukunft? Warum kann man nicht mit den Erinnerungen an die Vergangenheit leben, wenn es sie gibt? Denn dies ist unser Leben und es gibt keinen Grund, traurig zu sein, sondern im Gegenteil...“.
Eines der Hauptprobleme ist die Beziehung zwischen den Deutschen und den Juden. In dem Drama gibt es eine Passage, in der die Vermieterin schockiert ist, als sie von ihrem Mann erfährt, dass ihre neuen Mieter „nicht ganz Russen“ (die sie übrigens auch nicht mag) sind, sondern Juden. Wie sollen wir also nebeneinander existieren und dabei das scheinbar Unvereinbare miteinander vereinen? In dem Stück erscheint diese Vereinigung in Form des Tages der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, den die Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR so gerne feiern. An einem Tisch sitzen und trinken Schnaps zwei Kriegsveteranen : Boris-ein Einwanderer aus Kiew und der Deutsche Kurt, der obwohl er niemanden ermordet, sein ganzes Leben aber bereut hat. Die Antwort auf die Frage des Zusammenlebens versteckte sich in einem banalen Satz, der in diesem Stück an Bedeutung und tiefgründigen Sinn erlangt hat. “ Respektierst du mich?“, „Und respektieren sie mich? “- fragte einer unserer betrunkener Einwanderer jeden x-beliebigen: sowohl den deutschen Kriegsveteranen als auch den nicht russisch-beherrschenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. Denn das Wichtigste ist tatsächlich Respekt anderen Menschen gegenüber, unabhängig von deren Nationalität. Darin ist die Antwort auf die Frage des Zusammenlebens enthalten.

Zum Schluss möchte ich sagen:
Leute, die das Stück gesehen haben rufen mich an, um zu fragen, welches das nächste Stück der Theatergruppe „Chaveirim“ sein wird. Glücklicherweise hat diese Theatergruppe ihre Anhänger. Ich weiß nichts über die nächste Premiere, außer dass es eine funkelnde Komödie ist. Weiter möchte ich noch hinzufügen, dass die Theatergruppe auch in anderen Städten ihre Anhänger hat. Der Leiter des Volkstheaters und ein berühmter Künstler der Russischen Föderation, Semen Barkan, lebt in Bremen. Das Bremer Publikum und Regisseur Barkan erwarten ebenfalls Aufführungen der von ihnen sehr gemochten Theatergruppe „Chaweirim“ aus Osnabrück.
Laut einer Hauptfigur eines berühmten Films: „Theater ist eine besondere Kunst“. Glücklicherweise lebt diese besondere Kunst, dank einiger Enthusiasten, auch hier, in Deutschland für uns weiter.

L. Stolpinskaja